Geldanlage und Vermögensaufbau

Geliehene Überzeugung an der Börse

In dieser Ausgabe geht es um geliehene Überzeugung, auf Englisch Borrowed Conviction. Konkret geht es darum, wie geliehene Überzeugung an der Börse und wie sie beim Investieren schadet. 

Doch was meint das genau, also was hat es mit dem Begriff der geliehenen Überzeugung auf sich? Warum stellt geliehene Überzeugung beim Investieren ein Problem dar und was kann man dagegen unternehmen?

Hier geht es zum Podcast:

Der Begriff geliehene Überzeugung entstammt einer Börsenweisheit 

“Never borrow someone else’s conviction”.

Auf Deutsch bedeutet das so viel, wie “Leihe Dir niemals die Überzeugungen eines anderen aus”. Was meint das genau?

Geliehene Überzeugung an der Börse bedeutet, dass Du Deine Anlageentscheidungen auf der Grundlage von Nachrichten oder von Tipps Dritter fällst, ohne hinreichend selbst zu recherchieren.

Die Tipps erhältst Du zum Beispiel von Influencern in den sozialen Medien, von Freunden und Bekannten oder Du lässt Dich von bekannten Investoren beeinflussen. Da mag manchmal Autoritätsgläubigkeit am Werk sein, über die ich bereits in Folge 5 gesprochen habe. 

Zudem lassen wir uns auch gerne von anderen Menschen inspirieren. 

Bereits als Kinder lernen wir viel dadurch, indem wir unsere Umgebung beobachten. Wir ahmen das Verhalten anderer Menschen nach. Wir lernen durch Beobachtung und Nachahmung.

Soweit so gut, soweit normal. Doch beim Investieren ist das ein zweischneidiges Schwert. 

Stell dir vor, ein Freund oder eine Freundin erzählt Dir von einem Unternehmen. Das Unternehmen sei großartig dafür aufgestellt, von einem großen Trend zu profitieren.

Ja, der Aktienkurs ist zuletzt stark gefallen. Aber das macht die Aktie umso günstiger und es ist zu erwarten, dass sie in den nächsten zwölf Monaten so richtig durch die Decke gehen wird.

Nun könnte es sein, dass die Person selber geliehene Überzeugung hat

Vielleicht ist er oder sie ja auch wirklich der Meinung, dass die Aktie ein phänomenales Investment darstellt.  Vielleicht möchte er oder sie auch sich selbst in dieser Meinung bestärken, um den Kauf zu rechtfertigen und die Entscheidung schönzureden, Stichwort Confirmation Bias aus Folge 28.

Möglicherweise besitzt die Person die Aktie noch nicht einmal. Und das ist auch irrelevant, weil Deine persönliche Situation individuell vollkommen anders sein kann, als die Deines gegenübers. 

Zudem gibt es unterschiedliche Risikoneigungen oder auch Sicherheitsbedürfnisse. Das ist auch eine Typfrage. Stichwort Folge 25, Jeder spielt sein eigenes Spiel.

Jedenfalls hört sich das für Dich alles sehr überzeugend an und Du denkst Dir: Klasse, da locken fette Gewinne!

Vielleicht fängst Du nun selbst an zu recherchieren.

Aber Deine Meinung ist allein durch die sehr einleuchtenden Erläuterungen Deines Freundes oder Deiner Freundin schon ziemlich gefestigt. 

Also Du hinterfragt den Sachverhalt vielleicht gar nicht, sondern Du versuchst – bewusst oder unbewusst – Dein bereits geformtes Bild weiter zu bestätigen. Du suchst also vor allem Informationen, die Dein Denken bestätigen, Folge 28 Confirmation Bias.

Und Deine Überzeugung, dass es sich um einen substanziellen Trend handelt, dass dieses Unternehmen davon profitieren und dass die Aktie sich folglich gut entwickeln wird, diese Überzeugung resultiert nicht daraus, dass Du Dir den Sachverhalt wirklich erarbeitet hast. 

Vielmehr nimmst Du eine Abkürzung. Du übernimmst die Überzeugung Deines Freundes. Doch diese Überzeugung ist nur geliehen und im Zweifelsfall brüchig. 

Anderes Beispiel für geliehene Überzeugung: 

Große Investoren müssen veröffentlichen, in welche Unternehmen sie investieren. In den USA geschieht das im sogenannten 13F Report. Darin müssen institutionelle Anleger mit einem Anlagevolumen von mehr als 100 Millionen US-Dollar jedes Quartal über ihre Investments Auskunft geben. 

Das Ziel des 13F Reports ist es, mehr Transparenz im Markt zu schaffen. Also dass die Öffentlichkeit weiß, welche Aktien große Investoren gekauft oder verkauft haben.

Nun könntest Du als Anlegerin oder Anleger diese Informationen auch als Inspiration für Deine eigenen Investitionsentscheidungen nehmen. Und vielleicht denkst Du Dir: Klasse, dieser berühmte und erfolgreiche Investor hat jene Aktie gekauft. Das bestätigt mich darin, dass die Aktie ein großartiges Investment darstellt. Die kaufe ich ebenfalls.

Sich inspirieren zu lassen, das ist ja in Ordnung. 

Eine Aktie zu kaufen, weil jemand anders es ebenfalls getan hat, ist aber nicht ungefährlich, egal wie erfolgreich die Person sonst investiert.

Weil einerseits ist die Investition vielleicht nicht kompatibel mit Deinen eigenen finanziellen Zielen oder Deinem Zeithorizont. Stichwort Folge 25, jeder spielt sein eigenes Spiel.

Ein solches Vorgehen kann auch aus Herdenverhalten resultieren, über das ich in Folge 15 gesprochen habe. Außerdem ist auch in diesem Fall Deine Überzeugung in die Aktie nur geliehen. Eine Aktie könnte langfristig ein gutes Investment darstellen. Das kannst Du mit Deiner geliehenen Überzeugung aber nur schwer bewerten. 

Die Börse bewegt sich auf und ab. Und vielleicht sackt auch der Kurs der Aktie mal ab, nachdem Du sie gekauft hast. Kursrückgänge sind normal. Also wenn Du eine Aktie über einen längeren Zeitraum besitzt, dann musst Du auch mit Kursrückgängen umgehen können. 

Die Apple-Aktie bspw. ist im Zeitraum von 1980 bis 2012 um das 225-fache gestiegen. 

In dieser Zeit ist der Kurs aber auch zweimal um 80% eingestürzt und es gab mehrere Rückgänge von 40%.

Für den Investor, an dessen Kaufentscheidung Du Dich orientiert hat, ist ein solcher Kursrückgang vielleicht unerheblich und er lässt sich dadurch nicht beirren. Er hat seine Hausaufgaben gemacht. Er hat eine klare Vorstellung davon, was die Aktie in seinen Augen wert ist und warum er das Unternehmen für besonders solide hält. 

Das sieht bei Dir aber ganz anders aus. Deine Überzeugung ist nur geliehen. Und entsprechend groß ist das Risiko, dass Deine Überzeugung schnell wackelt, dass Du schlaflose Nächte erlebst, wenn der Aktienkurs Gegenwind erfährt und dass Du dann die Aktie mit Verlust wieder verkaufst. 

Und mit geliehener Überzeugung bist Du besonders anfällig für die zahlreichen in diesem Podcast angesprochenen psychologischen Fallen beim Investieren, wie Verlustaversion oder Confirmation Bias.

Man kann das auch anders betrachten:

Wenn Aktienkurse volatil bzw. schwankungsanfällig sind, also wir erleben auch mal heftige Kursrückschläge, was macht dann die langfristig erfolgreichen Aktionäre aus? Die Antwortet lautet: Sie bleiben lange dabei, also sie verkaufen eine Aktie nicht, wenn diese mal abschmiert. 

Das benötigt Zuversicht, in das Unternehmen und in das eigene Urteil. Und das wiederum verlangt Wissen, ein tiefes Verständnis. Und das werden all jene nicht haben, die ihre Überzeugung nur geliehen haben. 

Und natürlich könnte es ebenso sein, dass der Investor schlicht ein schlechtes Investment getätigt hat. 

Die Apple-Aktie ist ein tolles Beispiel. Doch es gab ebenso viele Aktien, die vielleicht mal der Liebling der Börse waren, die sich aber von einem heftigen Kursrückgang nie erholt haben.

Und es erleiden nicht nur die besten Aktien häufige und schwere Kursrückschläge, sondern auch die besten Investoren, haben zwischendurch Zeiten, in denen sie schlecht performen. 

Also einfach nur stur abzuwarten, dass sich der Kurs einer Aktie wieder erholt, hilft Dir auch nicht weiter, wenn Deine Überzeugung nur geliehen ist. Und die Aktienkäufe anderer Investoren zu kopieren ist gefährlich und selbst wenn Du Dich von einer Koryphäe wie Warren Buffett hast inspirieren lassen.

Abschließend möchte ich den Investor Ian Cassel zu geliehene Überzeugung zitieren.

Der hat sinngemäß gesagt:

Man kann sich die Aktienideen von anderen Menschen ausleihen, aber nicht ihre Überzeugung.

Das Problem der geliehenen Überzeugung beschränkt sich auch nicht nur auf Aktien. Das gilt für alle Formen der Geldanlage, insbesondere für sehr komplizierte Anlageformen und spekulative Investments, deren Risiken du nicht komplett durchschaust.

Wenn ein Bankberater Dir begeistert von einem Wertpapier erzählt, dann argumentiert er vielleicht überzeugend. Er ist aber letztlich ein Verkäufer. Also, auch dessen Empfehlungen solltest Du nicht unreflektiert übernehmen, Stichwort Folge 5 über Autoritätsgläubigkeit.

Und die Spitze des Eisbergs sind betrügerische Ansätze wie Schneeballsysteme. Das hat dann eine andere Qualität, aber das Problem ist auch hier fehlendes Verständnis und geliehene Überzeugung.

Wahre Überzeugung kann man nur erlangen, wenn man seinen eigenen Recherchen mehr vertraut als denen anderer. 

Es geht darum, kritisch zu denken. 

Man muss seine Fehler selber machen und man sollte sich nicht auf die Tipps vermeintlicher finanzielle Autoritäten verlassen.

Der Punkt ist: Du triffst eigenverantwortlich Entscheidungen. Und es gilt der Grundsatz aus Folge 25: Beim Investieren und bei Deinen Finanzen bist du selbst für dein Handeln verantwortlich.

Und wenn Du ein schlechtes Investment tätigst, dann hilft es Dir nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen, erst recht nicht, wenn Du Deine Überzeugung nur geliehen hast.

Du kannst Dich ja inspirieren lassen. Und wenn Du eine Aktienidee so spannend findest, dass Du unbedingt einsteigen möchtest, dann könntest Du vielleicht eine ganz kleine Position aufbauen. 

Und erst zu einem späteren Zeitpunkt, wenn Du Dich tiefer mit der Materie beschäftigt hast, wenn Du wirklich von Aktie und Unternehmen überzeugt bist, wenn Du das Geschäftsmodell, die Wettbewerbssituation, die finanzielle Lage und die zukünftigen Aussichten tief durchdrungen hast, erst dann kaufst Du weitere Aktien.

PS: Das Beitragsbild ist im Flugzeug entstanden.

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