Geldanlage und Vermögensaufbau

Das nächste große Ding

Geldanlage und Vermögensaufbau

Das nächste große Ding: Für Investorinnen und Investoren ist die Suche danach, wie die Suche nach dem heiligen Gral. Während der meistgesuchte Kelch der Menschheitsgeschichte Macht und ewiges Leben verleihen soll, verspricht man sich beim Investieren finanziellen Erfolg und Wohlstand. 

Nun ist die Suche nach dem heiligen Gral bis heute leider nicht von Erfolg gekrönt und auch an der Börse erweist sich die Suche als nicht ganz einfach.

Darum geht es in dieser Ausgabe:

  • Warum jagen wir beim Investieren den vermeintlich ganz großen Chancen hinterher?
  • Ist das überhaupt der bestmögliche Ansatz, also liegen Reichtum und Rendite im vermeintlich erfolgversprechenden nächsten großen Ding?
  • Und dann die Frage, was man alternativ machen könnte.

Hier geht es zum Podcast:

Das nächste große Ding. Das bedeutet im Kontext der Geldanlage häufig Innovation. 

Das ganz heiße Produkt oder Geschäftsmodell. Das neueste Finanzprodukt oder die revolutionäre Anlagestrategie. Die vielversprechende Aktie, die Dank einer Zukunftstechnologie durchstarten wird. 

Wir lieben es, uns die Zukunft auszumalen, wie Innovationen die Welt verändern werden. Und als Investoren überlegen wir dann, welche Produkte die Zukunft gestalten und welche Unternehmen von dieser schönen neuen Welt profitieren werden. 

Wir haben eine überschäumende Fantasie über das Potential bahnbrechender Innovationen, um die sich packende Geschichten ranken.Wasserstoff als neue Energiequelle. Demokratisierung der Finanzwelt durch die neueste Kryptowährung. Spenderorgane aus dem Reagenzglas, Omnipräsenz von Robotern oder das ewige Leben.

Das sind wahnsinnig spannende Ideen, die vielleicht auch manchmal eine Dystopie bedeuten können. Dystopie, das meint eine verstörende Zukunftsvision. Mit Blick auf die Wirtschaft kann das zum Beispiel Entwicklungen oder Innovationen bedeuten, die die Freiheit untergraben oder unsere Lebensgrundlage zerstören.

Ich maße mir gar nicht an, einzuschätzen, ob und wann solche Innovationen das Licht der Welt erblicken und in der Breite realisiert werden. Jedenfalls ist unsere Euphorie absolut nachvollziehbar. Die Geschichten sind nicht nur spannend, sondern wir leben in einer sich wahnsinnig schnell verändernden Zeit, die uns den Einfluss von Innovationen auf unser Leben eindrucksvoll vor Augen führt.

Der Einfluss von Smartphones und Social Media ist massiv – auf Wirtschaft und Gesellschaft, wie wir kommunizieren, ja quasi unser komplettes Leben. Und beides sind Erfindungen des noch jungen 21. Jahrhunderts. 

Keine Frage: Wir leben in spannenden Zeiten.

Wir stehen am Anfang der vierten industriellen Revolution und vermutlich werden wir die Welt, wie wir sie heute kennen, in zehn Jahren kaum wiedererkennen. 

Und wenn sich die Welt, die Wirtschaft nun so rasant weiterentwickelt, dann scheint es nur vernünftig, sich auch die Frage zu stellen, wie man beim Investieren von diesen Entwicklungen profitieren kann.

Doch das ist gar nicht so leicht. Nicht jede Innovation setzt sich durch. Manches, was heute eine große Welle macht, erweist sich als Eintagsfliege. Manche Technologie, die heute hoch gehyped wird, ist morgen kein Thema mehr. 

Auch wenn sich eine Investition durchsetzt, ist noch lange nicht ausgemacht, welches Unternehmen erfolgreich sein wird. 

Ein Beispiel ist das Unternehmen Curevac beim Rennen um den Corona-Impfstoff, über das ich in Folge 17 über Investieren im Circle of Competence gesprochen habe.

2021 gab es einen großen Hype um Non-Fungible Tokens, kurz NFTs. Eine genaue Erläuterung sprengt den Rahmen dieser Folge, aber ein NFT ist eine digitalisierte Form eines Vermögenswerts. Jedenfalls flossen damals viele Investorengelder und es wurden Millionen für z.B. digitale Kunstwerke bezahlt. Ein Jahr später platzte die Blase spektakulär. Heute ist die Technologie nicht komplett verschwunden bzw. sie birgt mit Sicherheit noch weiteres Potenzial. Aber nach der Euphorie ist es schon erstaunlich still geworden. 

1923 prophezeite der New Yorker Elektroingenieur Charles Steinmetz für das Jahr 2023 eine utopische Gesellschaft, die befreit durch die Kraft der Elektrizität nur vier Stunden am Tag arbeiten muss. Er stellte sich makellose Städte vor, die dank des wissenschaftlichen Fortschritts frei von Müll und ohne verschmutzte Luft sein werden. Zeitgleich gab es Wissenschaftler, die fest davon ausgingen, dass der Krebs in den nächsten 100 Jahren besiegt wird. 

Beides schöne Visionen, die aus der damaligen Sicht vielleicht nachvollziehbar waren, aber leider nicht eingetreten sind. Der Punkt ist: Wir wollen die Zukunft kennen. Wir malen uns aus, wie sie aussieht. Doch es ist verdammt schwer die Zukunft zu prognostizieren, was sich ändern und zukünftig durchsetzen wird. 

Zukunftsvisionen sind gerade beim Investieren ein Problem. 

Und ein Beispiel für die Schwierigkeit des Entwurfs einer Zukunftsvision und der erfolgreichen Übersetzung dieser in Investitionsentscheidungen, ist die Dotcom-Blase. 

Da war die ganze Finanzwelt begeistert von der schönen neuen Welt. Und Investoren waren von der Frage getrieben, welche neuen Geschäftsmodelle und neuen Produkte die Innovation des Internets, die Digitalisierung der Gesellschaft noch hervorbringen kann. 

Die Begeisterung war nicht unbegründet. Die durch das Internet verursachten Veränderungen waren massiv. Sie kamen nur deutlich später und standen seinerzeit nicht auf wirtschaftlich fundierten Füßen. 

Damals gab es einen Mann, der sich nicht von der Euphorie anstecken ließ. Nämlich Warren Buffett. 

Der saß weitab von den großen Wirtschaftszentren dieser Welt in der amerikanischen Provinz in Omaha, Nebraska und stellte sich eine ganz andere Frage. 

Er fragte sich nicht, welche Änderungen anstehen. Er fragte sich, was sich NICHT ändern wird und mit diesem Denkansatz ist er nicht allein.

Es war das Jahr das 2012 als der Amazon-Gründer Jeff Bezos sagte:

Ich bekomme sehr häufig die Frage gestellt: „Was wird sich in den nächsten zehn Jahren ändern?“ Das ist eine sehr interessante Frage, die sehr häufig gestellt wird. Ich bekomme fast nie die Frage: „Was wird sich in den nächsten zehn Jahren nicht ändern?“

Und ich behaupte, dass die zweite Frage eigentlich die wichtigere von beiden ist, denn man kann eine Geschäftsstrategie um die Dinge herum aufbauen, die auf Dauer stabil sind.

Er fuhr fort, dass Kunden im Einzelhandel niedrige Preise, eine schnelle Lieferung und eine große Auswahl wollen. Das werde auch in zehn Jahren noch so sein. 

Und entsprechend wird sich auch in zehn Jahren auszahlen, wenn Amazon heute Aufwand und Energie in diese Bedürfnisse investiert. 

Der Erfolg gibt Jeff Bezos recht.

Im Kern sind es diese drei Aspekte – niedrige Preise, schnelle Lieferung und große Auswahl – auf denen er sein Imperium aufgebaut hat und es sind diese drei Aspekte, die viele Menschen mit dem Internetriesen assoziieren. 

Da schließt sich der Kreis zu Folge 14 über die erste Regel des Investierens. Da zitierte ich Warren Buffetts Kompagnon Charlie Munger mit seiner Devise “Man muss immer umkehren”. 

Das meint die Idee, dass viele schwierige Probleme besser gelöst werden, wenn man sie auf den Kopf stellt. Also anstatt sich zu fragen, wie sich die Welt verändern wird und welche neuen Produkte und Geschäftsmodelle das hervorbringt, kann man sich ebenso die Frage stellen, was sich nicht ändern wird und was die Menschen auch in Zukunft benötigen. 

Innovationen und Veränderungen sind spannend. Und für ein Unternehmen können sie enorme Chancen und massives Wachstum bedeuten. Deswegen fühlen wir uns als Investoren von ihnen angezogen. 

Doch Innovation, also Dinge, die sich verändern, ist ein ewiger Kampf. 

Lithium beispielsweise ist derzeit das ganz große Ding für die Batterieproduktion. Aber wir wissen nicht, ob Lithium eines Tages durch einen anderen Rohstoff ersetzt wird.

Nokia war Marktführer bei Mobiltelefonen und hat die Verbreitung von Mobiltelefonen weltweit maßgeblich mit vorangetrieben. Mit dem Aufkommen der Smartphones verloren sie den Anschluss und verkauften 2014 die gesamte Mobiltelefonsparte an Microsoft. 

Der Fotokamerahersteller Kodak wird gerne als Beispiel für Managementversagen angeführt. Als ein Unternehmen, das die Digitalisierung der Fotografie verschlafen hat. Das ist ein komplexes Thema und es gab viele Faktoren für den Niedergang. Aber tatsächlich kam von Kodak sowohl die erste digitale Spiegelreflexkamera als auch die erste Digitalkamera heraus. Und trotzdem war das Unternehmen zuletzt nicht mehr erfolgreich und hat den Wettbewerb um die digitale Fotografie verloren.

Also wenn ein Unternehmen Innovation fokussiert, dann muss es viel Energie darauf verwenden, die Zukunft vorherzusagen. Und es muss mit seiner Prognose nicht nur richtig liegen, sondern diese Veränderung muss auch erfolgreich umgesetzt werden. 

Zum Beispiel: Es ist bekannt, dass sich die Mobilität verändern wird. Das autonome Fahren wird bestimmt irgendwann kommen, möglicherweise werden wir in Kapseln durch unterschiedliche Röhren katapultiert oder mit Drohnen durch die Luft fliegen und vielleicht ist Wasserstoff der Antrieb der Zukunft. 

Da gibt es schon viele Unbekannte in der Gleichung. Die Veränderung der Mobilität ist ein spannendes Thema für Investoren. Doch wenn man eine Ebene tiefer gräbt, dann wird das ganz schön komplex und konkrete Vorhersagen fallen schwer. 

Wer weiß schon, welche Geschäftsmodelle und welche Anbieter sich da zukünftig durchsetzen werden?

Da habe ich bereits in Folge 17 über Investieren im Circle of Competence drüber gesprochen: Ich muss einerseits den Trend identifizieren und ich muss erfolgreich beurteilen, welche Unternehmen mit welchem Produkt und Geschäftsmodell das Rennen gewinnen werden.

Also  wenn ich bei der Geldanlage auf innovative Unternehmen, auf wegweisende Technologien und Geschäftsmodelle setzen möchte, dann muss sehr viel richtig laufen, damit dieser Ansatz von Erfolg gekrönt ist. 

Und über einen langfristigen Zeitraum reicht es nicht, nur einmal recht zu behalten. 

Wenn ich auf sich verändernde Trends setze, dann muss ich davon ausgehen, dass die Entwicklung weiter fortschreitet. 

Ich muss nachhaltig Recht behalten.

Ich muss das nächste große Ding identifizieren. Und das übernächste. Und das, was danach kommt.

Vorhersagen darüber, was sich ändern wird, sind schwierig. Vorhersagen, was gleich bleiben wird, sind relativ einfach. Das klingt fast schon banal. Wenn man das aber weiterdenkt, ist das gar nicht dumm. 

Jeff Bezos hat über Dinge, die sich nicht verändern, drei wesentliche Säulen für die Strategie von Amazon identifiziert. Und als Investoren können wir Unternehmen und Produkte nach vergleichbaren Kriterien abklopfen.

Der Investor Vitaliy Katsenelson stellt fest, dass alle Menschen über ein bestimmtes Repertoire an Emotionen und Bedürfnissen verfügen, die zu einem gewissen Grad vorhersehbar sind. Und egal, wie sehr sich die Dinge ändern, wir werden uns auch zukünftig wie Menschen verhalten.

Wir leben in einer hochtechnologisierten Informationsgesellschaft. Aber wir sind nicht weniger menschlich als vor 100 Jahren. Unsere Bedürfnisse bleiben gleich. Menschliche Grundbedürfnisse sind vielfach evolutionsbedingt und tief in uns verankert. Die verändern sich nicht über Nacht. 

Wir haben ein Bedürfnis nach Anerkennung und nach Sinnhaftigkeit. Wir möchten den Menschen, die wir lieben, Sicherheit und ein gutes Leben bieten. Wir suchen persönlichen Fortschritt und Erfolg. Wir möchten im Leben weiterkommen. 

Wir haben einen absehbaren Lebenszyklus: Wir werden geboren, wir wachsen auf, wir arbeiten, vielleicht haben wir selber Kinder, wir altern, wir gehen in Rente, wir sterben. Und entlang all dieser Stationen gibt es Dinge, die ziemlich konstant sind. 

Für Unternehmen werden sich Marketingstrategien oder Vertriebswege ändern. Es ist aber absehbar, dass Babys auch in 50 Jahren noch Windeln tragen. Und allen digitalen Megatrends zum Trotz werden wir in Zukunft Nahrungsmittel benötigen und unsere Zähne putzen.

Abschließend lässt sich über das nächste große Ding sagen:

Wenn man das letzte Jahrhundert betrachtet, dann haben Erfindungen und Innovationen wie das Telefon, der Fernseher, Kühlschränke oder Computer die Menschheit und das Leben auf der Erde massiv geprägt

Das Innovationstempo bleibt hoch und vermutlich werden wir die Welt ob der anstehenden Veränderungen in zwanzig Jahren kaum wiedererkennen. Doch das macht Innovation nicht zwingend zu einem guten Investment. 

Bei Innovationen könnte es auch eine Überlegung sein, etwas zu warten.

Und erst zu investieren, wenn eine Innovation etabliert ist und wenn sich herauskristallisiert hat, welches Unternehmen damit Profit erwirtschaftet oder sich am besten zum Marktführer entwickelt hat.

Anstatt auf das nächste große Ding zu setzen, kann es sich auszahlen, sich auf nachhaltig bewährte und zeitlose Strategien zu besinnen. Wie niedrige Preise, mehr Komfort, Zeitersparnis, sozialer Status, Unterhaltung oder menschliche Interaktion. 

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Aber wir können davon ausgehen, dass menschliche Bedürfnisse gleich bleiben. 

Die Fokussierung auf Dinge, die sich nicht verändern, ist beileibe keine Garantie für Erfolg. Es ist aber in vielen Fällen ein erfolgversprechender Ansatz, als die Zukunft vorherzusagen und darauf zu wetten, dass alles wie prognostiziert eintritt. 

Oder um es mit Mark Twain zu sagen: “Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.”

PS: Das Beitragsbild ist in Kalifornien entstanden.

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