Geldanlage und Vermögensaufbau

Die wunderbare Kraft des Zinseszins

Vermögensaufbau Podcast

Der Zinseszins entwickelt über einen langen Zeitraum eine derartige Kraft, dass er ein wichtiger Hebel für die Geldanlage und den Vermögensaufbau ist. Und der Legende nach ließ sich sogar Albert Einstein zu der Aussage hinreißen, der Zinseszins sei das achte Weltwunder.

Ich werde in dieser Ausgabe das Phänomen des Zinseszins erklären. Und ich werde darlegen, warum es mit Blick auf den Zinseszins sinnvoll ist, dass Du früh und dann auch regelmäßig Dein Geld, Dein Erspartes investierst, statt es nur auf dem Konto herumliegen zu lassen.

Hier geht’s zum Podcast:

Beim Stichwort Konto wirst du jetzt vielleicht denken: Zinsen schön und gut, bekomme ich aber sowieso nicht auf meinem Konto oder Sparbuch.

Der Zinseszins bezieht sich hier nicht nur auf Zinsen im klassischen Sinne, wie Du es vielleicht aus der Schule kennst. Sondern Zins meint hier vielmehr die Rendite, also den Ertrag, den man  z.B. mit Aktien erzielt. Und wenn diese Zinsen bzw. diese Rendite zukünftig mitverzinst werden, also eine Rendite auf die Rendite erwirtschaftet wird, dann sprechen wir vom Zinseszins. Langfristig, also Zins auf den Zins auf den Zins usw. entwickelt das eine derart hohe Durchschlagskraft, dass wir einen exponentiellen Anstieg unseres Gesamtkapitals sehen.

Beginnen möchte ich mit einer kleinen Geschichte, bevor ich mich der praktischen Anwendung des Zinseszins und den Implikationen für uns widme.

Im Jahre 1626 erwarb der Niederrheiner Peter Minuit im Auftrag der Holländer vom indigenen Stamm der Lenape eine Insel, genannt Mana Hatta, heute bekannt als Manhattan.

Er bezahlte umgerechnet 24 US-Dollar. Aus heutiger Sicht, knapp 400 Jahre später, ein absolutes Schnäppchen. Zum Vergleich: 2014 stellte die Rutgers University eine Studie vor, wonach der heutige Bodenwert von Manhattan bei ca. 1,74 Billionen US-Dollar liegt.

Doch war der Deal für die Lenape wirklich so schlecht, wie es den Anschein hat?

Um dies herauszufinden, müssen wir die Frage beantworten: Wie viel Geld hätten die Lenape mit ihrem Startkapital von 24 US-Dollar über einen Zeitraum von 388 Jahren, also dem Jahr des Verkaufs 1626 bis zum Jahr 2014, theoretisch erwirtschaften können? Ausgehend von 24 US-Dollar Startkapital: Ist der Endbetrag höher als der errechnete Bodenwert von 1,74 Billionen US-Dollar?

Wir benötigen hier einen Vergleichswert, um eine langfristige Wertentwicklung abschätzen zu können. Und dazu nehmen wir ein breit gestreutes Aktienportfolio als Vergleichsgröße, das historisch betrachtet und über einen langen Zeithorizont eine durchschnittliche Wertentwicklung von ungefähr 9% pro Jahr hatte.

Nun nehmen wir mal an, die Lenape hätten die 24 US-Dollar seinerzeit investiert. Und nehmen wir ferner an, dass sie eine durchschnittliche jährliche Rendite von vielleicht nicht 9% sondern 7% erzielen konnten, dann wäre dieser überschaubare Anfangsbetrag über 388 Jahre auf stolze 6,04 Billionen US-Dollar angewachsen.

Nochmal zur Erinnerung: Bodenwert Manhattan, 1,74 Billionen US-Dollar, 24 US-Dollar über 388 Jahre mit 7% Rendite investiert ergibt 6,04 Billion US-Dollar. Ihr Geld wäre mit einer Rendite von 7% somit besser angelegt gewesen als mit einer Spekulation auf die boomende Entwicklung des Bodenwertes von Mana-Hatta bis zum Jahr 2014. Sogesehen haben die Lenape ein ziemlich gutes Geschäft gemacht

Natürlich ist das ein etwas an den Haaren herbeigezogenes Beispiel. Wie hätten die Lenape ihr Geld überhaupt anlegen können? Und ein derart langer Zeitraum ist für uns mit einer Lebenserwartung von vielleicht 80 Jahren und einem wahrscheinlich deutlich kürzeren Investmenthorizont wenig praktikabel. Dennoch ist die Geschichte ein, wie ich finde, interessantes Beispiel für eben jene Kraft des Zinseszins der auch bereits bei einem Investment-Zeitraum von 20 oder 30 Jahren schon eine ordentliche Wirkung erzielt.

Und dennoch wird die Kraft des Zinseszins weitgehend unterschätzt.

Wie eingangs erwähnt, bewirkt der Zinseszins über einen langen Zeitraum ein exponentielles Wachstum des Gesamtkapitals.

Wir Menschen denken aber in linearen Mustern und können dieses exponentielle Wachstum nur schwer begreifen.

Peter Diamandis, Mitgründer der Singularity University, hat den Unterschied von linearem im Vergleich zu exponentiellem Wachstum an einem Beispiel erläutert. Wenn wir uns eine Distanz von 30 linearen Schritten vorstellen, wobei ein Schritt ein Meter lang ist, dann ergibt sich eine Distanz von 30 Metern. Das ist jetzt nicht überraschend. So denken wir, so sind wir gepolt, das ist für uns intuitiv und greifbar. Dieses lineare Wachstum können wir ohne Problem im Kopf extrapolieren

Exponentielle Schritte wiederum sind für uns weitaus schwerer zu begreifen. Exponentielles Wachstum das ist eine Verdopplung mit jedem Schritt also nicht 1, 2, 3, 4, 5 bei linearer Zählweise, sondern 1, 2, 4, 8, 16 usw. Und wenn wir diese Verdopplung dreißig mal durchführen ergibt sich in unserem Beispiel der dreißig Schritte eine Distanz von über 1 Mrd. Meter statt der 30 im linearen Wachstum. Das ist 26x um die Erde.

Anderes Beispiel. Wenn ich für die nächsten 30 Tage jeden Tag 1 Euro erhalte, dann habe ich am Ende des Zeitraums, also nach 30 Tagen, 30 Euro. Wenn ich allerdings mit nur 1 Cent am ersten Tag starte und der Betrag sich jeden Tag verdoppelt, also 2 Cent am zweiten Tag, 4 am dritten usw ergibt dies nach 30 Tagen stolze 10 Millionen Euro.

Mit dem Zinseszins sehen wir eben jenes exponentielle Wachstum über einen langen Zeitraum.

Bei 7% jährlicher Verzinsung bewirkt der Zinseszins eine Verdopplung des Anfangsbetrags nach ca. 10,3 Jahren. Nach weiteren 10,3 Jahren findet wieder eine Verdopplung statt und der Anfangsbetrag hat sich vervierfacht.

Auch wenn wir als Privatanleger einen deutlich kürzeren Zeithorizont als die im Beispiel der Lenape genannten 388 Jahre haben, können wir den Zinseszins für uns nutzen. Denn tatsächlich ist der Zinseszins ein entscheidender Faktor für eine langfristig erfolgreiche Geldanlage.

Der Autor Morgan Housel hat auf die Frage, was einen erfolgreichen Investor ausmacht, gesagt: dass ein erfolgreicher Investor die bestmögliche Rendite über den längsten Zeitraum erwirtschaftet, wobei die Rendite über diesen langen Zeitraum betrachtet gar nicht unglaublich hoch sein muss.

Warren Buffett ist der wahrscheinlich erfolgreichste Investor unserer Zeit. Und Housel stellt fest, dass natürlich die finanzielle Basis, die der über 92-jährige Amerikaner in seinen frühen Jahren erwirtschaftet hat, für dessen finanziellen Erfolg wichtig ist. Aber ebenso die Langfristigkeit.

Buffett ist ohne Frage brillant und ein äußerst fähiger Investor.

Sein Erfolgsgeheimnis liegt allerdings in der langen Zeit, in der sich sein Vermögen mit der Hilfe des Zinseszins vermehren konnte. Einmal zur Einordnung: Stand März 2022 war Buffett ca. 117 Mrd. US-Dollar schwer. Seine erste Milliarde machte er erst im Alter von 50 Jahren. Das bedeutet: 99% seines Vermögens hat er erst nach seinem 50. Lebensjahr aufgebaut, auch durch den Zinseszins.

Warren Buffett verfolgt einen bestechend einfachen aber auch sehr disziplinierten Investmentstil, der uns in diesem Podcast noch öfters begegnen wird. Der ebenfalls nicht am Hungertuch nagende Amazon-Gründer Jeff Bezos fragte Buffet einmal:

Warren, Du bist eine der reichsten Personen auf der Welt und Dein Investment-Stil ist so simpel. Warum kopiert Dich nicht jeder?

Buffett soll daraufhin einfach nur gesagt haben: weil niemand langsam reich werden will.

Also die Moral von der Geschichte ist:

Wenn wir früh genug anfangen zu investieren, über einen langen Zeitraum am Ball bleiben und kontinuierlich investiert sind, dann müssen wir gar keine Superinvestoren sein, die jährliche Traumrenditen erzielen. Dann fahren wir dank des Zinseszins mit der durchschnittlichen Marktentwicklung, die wir z.B. mit einem gut gestreuten Aktienportfolio erzielen, ziemlich gut. Und wir werden jetzt vielleicht nicht die nächsten Warren Buffetts. Aber auch mit einem überschaubarem Eigenkapital können wir eine beachtliche Summe aufbauen.

Was heißt das konkret?

Das durchschnittliche Gehalt in Deutschland liegt bei monatlich ca. 4.000 € brutto bzw. knapp über 2.000 € netto.

Lebensumstände variieren bekanntermaßen, manche müssen ein Auto finanzieren, andere leben in einer teuren Stadt oder haben teure Hobbies. Unterstellen wir, dass eine Person nach Zahlung aller Kosten ein verfügbares Investitionsbudget von 100 € im Monat hat. Sie erzielt also eine Sparquote von 5% auf ihr Nettogehalt.

Wenn diese Person heute 30 Jahre alt ist und jeden Monat 100 € spart, dann hat die Person bis zu ihrem vollendeten 65. Lebensjahr insgesamt 43.200 € angespart. Das ist ja schonmal gar nicht schlecht!

Wenn das Geld jedoch nicht nur gespart wurde, sondern mit einer angenommenen jährlichen Rendite von 7% angelegt wurde, ergibt sich am Ende der genannten Laufzeit ein Betrag von stolzen 179.593 €. Das ist mehr als viermal so viel, wie der tatsächlich angesparte Betrag. Das ist der Zinseszins bei der Arbeit!

Die Kraft des Zinseszins zeigt sich auch in die andere Richtung, wenn man den Zeitraum verkürzt.

Wenn die Person erst mit 35 Jahren beginnt zu sparen, dann hat sie in unserem Szenario nur 30 statt 35 Jahre zum Sparen zur Verfügung. Bedeutet: der angesparte Betrag am Ende der Laufzeit liegt bei 37.200 €. Wenn sie mit 7% Rendite investiert, dann liegt der Endbetrag bei 123.127 €.

Also unterm Strich hat die Person fünf Jahre weniger investiert und somit 6.000 € weniger angespart. 37.200 € bei 30 Jahren Laufzeit vs. 43.200 € bei 35 Jahren Laufzeit.  Die große Lücke der Endbeträge geschieht aber durch die kürzere Zeit, die sich das Geld mit der Kraft des Zineszins vermehren kann. So kommt es insgesamt, durch fünf Jahre weniger Spar- und Investierzeit zu einem um -56.466 € geringeren Endbetrag.

Anders ausgedrückt: im ersten Szenario, mit 35 Jahren Laufzeit, erwirtschaftete die Person 179.593 €. Von diesen knapp 180.000 € werden über 30% erst in den letzten fünf Jahren der Laufzeit generiert. Würde die Person weitere fünf Jahre sparen und investieren, erhöht sich der Betrag um 79.000 € auf knapp 259.000 €, obwohl nur zusätzlich 6.000 € eingezahlt wurden. Das ist der Zinseszins.

Jetzt werden die kritischen Geister anmahnen, dass ich hier arg vereinfache und die Inflation außer acht lasse.

Das stimmt natürlich.

Durch die Inflation werden Waren und Dienstleistungen teurer. Das Geld ist mit der Zeit also weniger wert. Um die durch die Inflation verminderte Kaufkraft im Zeitverlauf zu berücksichtigen, müssten wir in unserer Rechnung um die Inflation bereinigen. Und dann würde man anerkennen, dass das Vermögen langfristig wächst, durch den Zins die tatsächliche Kaufkraft aber nicht so stark ansteigt.

Man kann aber auch argumentieren, dass umgekehrt ein Schuh draus wird, dass es gerade wegen der Inflation besonders wichtig ist, auf den Zins und den Zinseszins zu achten. Die erwirtschaftete Rendite ist die einzige Maßnahme, um unser Geld vor Inflation zu schützen bzw. den negativen Effekt mindestens abzufedern.

Das Thema bietet bestimmt Stoff für eine herrliche Diskussion, aber unterm Strich wird der Sachverhalt, dass man den Zinseszins für sich nutzen sollte, durch die Inflation nicht verändert.

Was bedeutet der Zinseszins nun für Dich als Anleger, als Anlegerin?

Der Zinseszins entfaltet gerade über lange Zeiträume eine unglaubliche Kraft.

Spannend ist hierzu auch die sogenannte 72er-Regel. Mit dieser Regel kannst Du sehr einfach näherungsweise berechnen, in welchem Zeitraum sich ein Wert mit einem bestimmten prozentualen Wachstum verdoppelt. Dazu teilst Du einfach 72 durch den zugrundeliegenden Zinsfuß. In unserem Beispiel also 72 geteilt durch 7. Das ergibt – wie bereits erwähnt – 10,3 und bedeutet, dass sich das Geld bei einer Rendite von 7% in 10,3 Jahren verdoppelt.

Grundsätzlich gilt: Je früher Du anfängst zu sparen und zu investieren, desto besser.

Wenn Du bis heute nicht gestartet hast, dann braucht Du Dich trotzdem nicht zu grämen. Wichtig ist es loszulegen und die Entscheidung nicht vor Dir herzuschieben.

Du solltest im Rahmen Deiner Möglichkeiten anfangen, aber vor allem langfristig und stetig dabei sein, damit der Zinseszins für Dich arbeiten kann.

Manche können sich eine Anlage von 50 € im Monat leisten, andere können mehr entbehren oder ihren Investitionsbetrag im Laufe der Zeit steigern. Höre bzw. lies dazu auch gerne nochmal die Ausgabe über die ersten Schritte der Geldanlage.

Überfordere Dich nicht. Wichtig ist die Kontinuität. Und wenn Du eine Gehaltserhöhung bekommst, könntest Du diese statt in die Erhöhung Deiner Lebenshaltungskosten auch in eine erhöhte Sparrate investieren.

Was du heute ausgibst, das nimmt dir zukünftige Erträge, die weit über den gesparten Betrag hinausgehen. Bei einer Rendite von 7% per annum werden aus einem 1 € über 35 Jahre ganze 10,68 €. Auch hier ohne Berücksichtigung der Inflation.

Das Titelbild habe ich in Los Angeles fotografiert.

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