Geldanlage und Vermögensaufbau

Wie Risiko an der Börse Deinen Erfolg beeinflusst

Geld und Vermögensaufbau

Was ist Risiko und Risiko an der Börse?

Wenn man eine Umfrage auf der Straße machen würde, was Risiko ist, dann würden viele Antworten wahrscheinlich lauten: Risiko ist, wenn der Ausgang einer Situation ungewiss ist. Wenn wir ein Risiko eingehen, können wir überrascht werden, in jeglicher Hinsicht. In Bezug auf Investments wäre wahrscheinlich eine öfters anzutreffende Einschätzung, dass je mehr Risiken wir eingehen, desto höher die Wahrscheinlichkeit hoher Gewinne.

Warum die erste Aussage, dass Risiko ein ungewisses Ergebnis ist, in der Finanzwelt falsch ist und warum die Annahme, dass höheres Risiko höhere Gewinne bedeutet, sogar gefährlich ist, das werde ich in dieser Ausgabe besprechen. Dazu werde ich zunächst darauf eingehen, was Risiko ist, wie wir als Anlegerinnen und Anleger auf Risiken blicken und wie wir uns entsprechend verhalten sollten.

Hier geht es zum Podcast:

Starten wir mit einem kleinen Ausflug in die Geschichte, über den Ursprung des Wortes Risiko. Risiko stammt vom arabischen Begriff Al-Rizq und dem lateinischen Wort Resicum. Das Resicum finden wir in italienischen Schifffahrtsverträgen aus dem 12. Jahrhundert. Für eine Verschiffung von Gütern benötigte ein Kapitän Investoren, die die Überfahrt finanzieren. Das Verschiffen von Gütern war zwar hochprofitabel, aber mit Blick auf Stürme, Piraten oder die politische Situation am Zielhafen auch riskant. Und mit dem Konzept des Resicum wurde das Risiko, aber auch der Profit auf mehrere Schultern verteilt. Der Investor erhielt dann am Ende der Reise 75% der Profite, der Kapitän und die Crew erhielten 25%.

Kommen wir ins Hier und Jetzt.

Während mit dem Resicum seinerzeit das Risiko eines drohenden Verlustes kompensiert werden sollte, hat sich die Definition von Risiko in den akademischen Kreisen der Finanzwelt etwas verändert. Dort definiert man Risiko als die Möglichkeit, dass der Ertrag eines Investments anders ausfällt als erwartet. Also das meint bspw. bei einer Aktie das Risiko des Kursrückgangs, dass der Ertrag geringer ausfällt als erwartet, inklusive der Möglichkeit, dass man teilweise Verluste macht oder gar einen Totalverlust einfährt. Es meint aber ebenfalls das “Upside-Risiko”, also die Möglichkeit, dass der Ertrag höher als erwartet ausfällt. Also hier wird Risiko mit der Volatilität oder auch der Schwankungsanfälligkeit eines Investments definiert. Das ist ein theoretischer Ansatz, in der Realität aber wenig praktikabel.

Warren Buffett definiert Risiko gemäß der klassischen lexikalischen Bedeutung, nämlich als die Möglichkeit von Verlust oder Schaden.

Auch der Hedge-Fonds-Manager Ray Dalio widerspricht der Nutzung von Volatilität als Gradmesser von Risiko. Er sieht Investitionsrisiko als das Unvermögen so viel Geld zu verdienen, wie man benötigt – sei es durch zu geringe Erträge, durch ruinöse Verluste im Portfolio oder durch Vermögensverlust durch z.B. Enteignung oder Steuererhöhungen.

Es gibt eine Vielzahl finanzieller Risiken: Konzentrationsrisiko, Zinsänderungsrisiko, Wechselkursrisiko, systematisches Risiko, Liquiditätsrisiko oder auch moralisches Risiko bzw. auf Englisch Moral Hazard. Volatilität ist aber nicht gleichzusetzen mit Risiko. Sie kann ein Symptom, ein Indikator für Risiko sein, sie ist aber nicht Risiko per se.

Ich werde nicht von einem Invest absehen, weil es volatil ist. Aber ich möchte für das Risiko, dass ich mit einem Invest Geld verlieren kann, kompensiert werden. Über den Begriff Risiko kann man hervorragend theoretische Debatten führen. Für Anlegerinnen und Anleger ist mit Blick auf Risiko aber entscheidend, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit Entscheidungen zu einem finanziellen Schaden führen können.

Nun, da definiert ist, was Risiko ist und was eben nicht:

Wie solltest Du als Anlegerin oder als Anleger auf das Thema Risiko an der Börse blicken?

Wie bereits besprochen, ist unser Risiko die Möglichkeit von Kapitalverlust. Das wäre bspw. der Fall, wenn Du Aktien eines Unternehmens besitzt, das pleitegeht. Beispiel Wirecard.

Das kann ebenfalls bedeuten, dass Du eine Gelegenheit verpasst oder dass Du eine schlechte Gelegenheit zum Nachteil einer besseren nutzt. Dein verfügbares Kapital ist begrenzt und jede Entscheidung ist eine Opportunität. Also wenn Du Dich für eine Sache entscheidest, entscheidest Du Dich gleichzeitig gegen eine andere Sache. Wenn Du in A investierst, fehlen Dir diese Mittel, um sie in B zu investieren.

Du könntest auch dazu gezwungen sein oder Dich genötigt fühlen, Aktien nahe des Tiefpunktes zu verkaufen. Das kann zum Beispiel passieren, wenn Du inmitten schlechter Nachrichten die Zuversicht in die weitere Perspektive eines Wertpapiers verlierst, oder wenn Du dringend Bargeld benötigst und somit Wertpapiere zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufst. Das passierte zum Beispiel während der Finanzkrise im Jahr 2008. Da haben viele Investoren unterschätzt, wie viel Volatilität sie aushalten können, als die Kurse absackten. Und sie verkauften mit Verlust, verpassten dann auch noch vielfach den Wiedereinstieg, als die Märkte wieder anzogen.

Der Investor Howard Marks ist beim Thema Risiko an der Börse sehr grundsätzlich.

Für ihn ist die Essenz des Investierens Geld zu verdienen und dabei die Risiken zu kontrollieren. Das Geld verdienen sieht er als den leichten Part an. Die Wirtschaft entwickelt sich langfristig positiv. Die Märkte gehen in 7-8 von 10 Jahren nach oben. Da kann jeder mitschwimmen und Geld verdienen. Die wirklich guten Investoren beherrschen seiner Meinung nach aber das Zusammenspiel aus Geld verdienen bei proportional geringerem Risiko. Sie schaffen also eine Asymmetrie. Sie verdienen Geld, wenn der Markt wächst und in schlechten Zeiten verlieren sie weniger als der Markt. Also sie erwirtschaften langfristig überdurchschnittliche Erträge mit durchschnittlichem Risiko. Oder sie erwirtschaften durchschnittliche Erträge mit unterdurchschnittlichem Risiko.

Anders ausgedrückt: wenn man immer nur den Marktdurchschnitt abbildet oder in den Extremen schlechter abschneidet als der Markt, dann leistet man als Investor mit seinen finanziellen Entscheidungen keinen Wertbeitrag. Und dann sollte man statt in Einzelaktien zu investieren nur den Markt abbilden, z.B. mit einer passiven Anlagestrategie und einem breitgestreuten ETF-Portfolio.

Risiko an der Börse ist auch ein etwas trügerisches Thema, weil es unserer Intuition zuwiderlaufen kann.

Ein Beispiel könnten Bergsteiger sein. Die bewegen sich in einer gefährlichen Umgebung. Sie können abstürzen, eine Lawine auslösen oder sich bei einem unachtsamen Schritt weitab der Zivilisation verletzen. Und wenn sie mit richtig guter Sicherheitsausrüstung unterwegs sind, dann fühlen sie sich sicherer und könnten dann dazu neigen, höhere Risiken einzugehen und sich so einem insgesamt höheren Risiko auszusetzen.

Ein umgekehrtes Beispiel beschreibt der Autor Nassim Taleb. Demnach unternahm die niederländische Stadt Drachten ein Experiment und schaffte alle Verkehrsampeln und Straßenschilder ab. In der Folge kam es nicht zum Verkehrschaos, sondern der Verkehrsfluss verbesserte sich und die Anzahl tödlicher Unfälle ging auf null zurück. Also man kann unterstellen, dass die Verkehrsteilnehmer ohne Ampeln und Straßenschilder vorsichtiger fuhren und das Risiko eines Unfalls somit sank.

Wenn wir den Vergleich zu Risiko an der Börse ziehen

Risiken entstehen dort gar nicht so sehr durch Unternehmen bzw. ihre Aktien. Risiken entstehen hauptsächlich dann, wenn wir uns riskant verhalten und umgekehrt.

Auch hier wieder das Beispiel der Finanzkrise 2008. Die wurde durch die sogenannte Subprime-Krise ausgelöst, als Hypothekenkredite mit geringer Bonität eine hohe Anzahl von Zahlungsausfällen verzeichneten.

Was war passiert?

Zuvor waren Zahlungsausfälle bei Hypotheken ein sehr überschaubares Phänomen. Und Investoren haben daraus abgeleitet, dass Hypotheken sicher sind. Und in der Folge haben sie ihre Standards derart gesenkt, dass immer mehr Hypotheken an immer mehr Schuldner mit schlechter Kreditwürdigkeit gegangen sind. Im Ergebnis gab es dann diese Welle von Zahlungsausfällen.

Daraus könnte man auch die Erkenntnis ableiten, dass das höchste Risiko dann besteht, wenn Menschen der Meinung sind, dass es gar kein Risiko gibt. Man könnte argumentieren, dass dies ebenfalls für das Risiko an der Börse gilt.

Wir müssen davon ausgehen, dass es auch in Zukunft negative Ereignisse gibt.

Das müssen wir einkalkulieren. Dazu gehören auch seltene und unvorhersehbare Ereignisse mit extremen Auswirkungen. Also auch Ereignisse, die Nassim Taleb schwarze Schwäne nennt. Ereignisse wie die COVID-Pandemie oder die Anschläge vom 11. September 2001, die mögen für uns zuvor unvorstellbar sein und es scheint völlig unwahrscheinlich, dass sie eintreten. Tun sie halt trotzdem. Und wir wissen nicht ob solche extremen Ereignisse morgen oder in 50 Jahren passieren.

Es kann ebenso vorkommen, dass ein Risiko zwar gegeben ist, wir es aber erst im Unglücksfall entdecken. Ein Beispiel wäre ein fehlerhaft konstruiertes Haus. Das steht erstmal solide da. Die Probleme zeigen sich dann bei einem Erdbeben.

An der Börse entwickeln sich in einem Bullenmarkt, also in einer breiten Aufwärtsbewegung im Markt, da entwickeln sich fast alle Wertpapiere prächtig. Die Probleme zeigen sich dann im Abschwung.

Warren Buffett sagt dazu:

It’s only when the tide goes out that we find out who’s been swimming naked. Only during bad times an investment is tested.

Also zu deutsch: Erst wenn die Flut zurückgeht und Ebbe herrscht, sieht man, wer nackig schwimmt. Nur in schlechten Zeiten muss sich ein Investment beweisen. Und dabei ist Risiko nicht zwingend Ausdruck von der Qualität eines Unternehmens. Auch ein qualitativ hochwertiges Unternehmen kann ein riskantes Investment sein, wenn der Preis, den Du bezahlst, zu hoch ist.

Auch die Betrachtungsweise “tausche Risiko gegen Ertrag” kann tückisch sein.

Es ist verlockend zu denken, dass riskante Investments einen höheren Ertrag erwirtschaften. Oder dass man denkt, um mehr Geld zu machen, muss man höhere Risiken eingehen. Aber wenn wir uns darauf verlassen könnten, dass hohes Risiko an der Börse höhere Erträge liefern, dann wären sie eben nicht riskant.

Investments mit höherem Risiko müssen höhere Erträge in Aussicht stellen, um Kapital anzulocken. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Erträge generiert werden.

Was kannst Du als Anlegerin, als Anleger nun tun, im Angesicht von Risikos?

Als Investor möchtest um Risiko an der Börse zu verstehen, wissen, wie Du Unsicherheit und Komplexität managen kannst. Dazu solltest Du anerkennen, dass die Zukunft ungewiss ist. Es gibt mehr Ereignisse, die passieren können, als Ereignisse, die letztendlich eintreten.

Du könntest die Zukunft z.B. als eine Reihe möglicher Ereignisse sehen, die eintreten können und denen Du idealerweise jeweils Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnest. Dann wirst Du immer noch nicht wissen, was tatsächlich passieren wird. Du bist Dir aber der Risiken bewusst und kannst entsprechend mit ihnen umgehen.

Wieder Warren Buffett:

Risk comes from not knowing what you’re doing.

Risiko an der Börse entsteht, wenn Du nicht weißt, was Du tust.

Du kannst die Konsequenzen möglicher Ereignisse durchdenken. Und auf Basis der identifizierten Risiken kannst Du Dein Portfolio diversifizieren. Also, dass wenn ein Risikofall eintritt, er für Deine Finanzen nicht fatal ist.

Das bedeutet: Wenn ein bestimmtes Geschäft die Möglichkeit des Totalverlusts beinhaltet, wirst Du dieses Geschäft maximal mit einem geringen Anteil Deines Vermögens tätigen. Denn wenn der Fall des Totalverlusts eintritt, dann willst Du nicht ruiniert sein.

Nochmal Buffett:

Never risk what you have and need for what you don’t have and don’t need.

Also riskier nicht, was Du hast und benötigst, um etwas zu bekommen, das Du nicht hast und nicht benötigst.

Risiko an der Börse nochmal zusammengefasst

  • Risiken entstehen vielfach, wenn wir uns riskant verhalten oder wenn wir uns der Risiken nicht bewusst sind.
  • Du solltest nicht davon ausgehen, eine Rendite zu erzielen, ohne ein Risiko einzugehen. Aber Du solltest ebenso nicht davon ausgehen, dass Du eine Rendite erzielst, weil Du ein Risiko eingehst. Also wenn Du ein höheres Risiko eingehst, dann willst Du zumindest mit der Aussicht auf eine dem Risiko angemessene Rendite kompensiert werden.
  • Das Risiko eines Totalverlusts, das willst Du unbedingt vermeiden.
  • Wenn Du in der Disziplin erfolgreich bist, Risiken bei einer marktüblichen Rendite zu limitieren oder bei gleichbleibendem Risiko eine überdurchschnittliche Rendite zu erzielen, dann kannst Du die von Howard Marks beschworene Asymmetrie erreichen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die meisten Anlegerinnen und Anleger diese Asymmetrie nicht erreichen und auch die meisten professionellen Anleger erzielen unterdurchschnittliche Renditen. In der Regel wäre man somit besser beraten, einfach die durchschnittliche Performance des Marktes anzustreben, z.B. mit einem diversifizierten ETF-Portfolio.

Wenn Du das Thema vertiefen möchtest, könntest Du Dich z.B. mit der modernen Portfoliotheorie von Harry Markowitz beschäftigen. Vereinfacht gesagt beschreibt Markowitz, dass mit Diversifikation, also Streuung, Risiken minimiert und auf Dauer auch eine höhere Rendite erzielt werden. Die Portfoliotheorie wird zuweilen etwas kritisiert, ist aber vom Grundgedanken sehr interessant und immerhin hat der Mann dafür den Nobelpreis erhalten.

Das Titelbild habe ich in Andalusien fotografiert.

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